babel

eine literarische Spurensuche
Kölner Migration / von Marco Hasenkopf

Y Alpha 394 MH

Ich kenne vier oder fünf Stellen auf der Frankfurter Straße, deren
oberste Schicht mehrmals aufgerissen und wieder asphaltiert wurde. Die
Felder liegen so dicht beieinander, dass sie als eine Fläche betrachtet
werden können. Ein großer Flickenteppich. Neben pechschwarzen,
rechtwinklig angeordneten Narben, die hellere von dunkleren
Teermischungen trennen, zerfurchen lange, wie zerknittertet aussehnde
Risse und Schlaglöcher die Straße. Ein davon angefertigtes Detailfoto,
in vielfacher Vergrößerung, könnte leicht als grob-pixelige
Landschaftsaufnahmen von Schluchten, Kratern und Vulkanen, den kargen
Gesteinswüsten, ferner Planeten verwechselt werden, aufgenommen von
einem ersterbenden Satelitten, der in den letzten Sekunden seiner
Funktionsfähigkeit die Daten zur Erde übermittelt. Wäre da nicht die
vergänglichere Ablagerung aus Kaugummis, Zigarettenkippen, Spucke,
Döner- und Hamburgerpapier. Statt des Fotos könnte ich von diesen
zerklüfteten Straßenstellen, mit allem was darauf liegt, einen
großflächigen Gipsabdruck erstellen und taufe diesen irdischen
Exoplaneten mit einer endlosen Buchstaben- und Zahlenkombination. Heute
bricht ein Bagger wie ein Eisbrecher im Polarmeer durch die
Straßendecke. Ich erwäge einige Schollen, an denen noch lehmiger Boden
haftet, aus dem Kontainer auszusuchen und an Stahlseilen und Trägern
aufzuhängen. Später warte ich unter dem Mobilé stehend, bis der langsam
austrocknende Lehmboden abgefallen ist. Das kehre ich zusammen und
verwahre es in einem eigens angefertigten Behältnis. Den Einschnitt in
die Straße schaue ich mir genauer an. Unter der obersten Asphaltdecke
lagert eine zweite, vielleicht einige Jahrzehnte alte, hellgraue
Schicht. Dieser Belag wurde wiederum auf eine dritte, kaum noch
wahrnehmbare Lage aufgetragen. Erst darunter finden sich Pflastersteine,
die gut und gerne im vorletzten Jahrhundert geschlagen worden sein
können. Unter den alten Pflastersteinen beginnt das Erdreich. Bis auf
ältere Männer, vermutlich pensionierte Bauarbeiter, und neugierige
Kinder verliert selten jemand einen Blick in die Schächte. Auch die
alten Pflastersteine landen in einem roten Kontainer. Sollte ich die
alten Steine sammeln und im Flur stapeln? Vielleicht hätte ich im
nächsten Sommer Zeit den Hof zu pflastern? Oder ich meißele auf jeden
Stein einen Buchstaben und formiere sie anschließend zu einer haushohen
Pyramide.

Auf meine Anfrage, wem die Steine gehören, zuckt der Mann im Bagger nur
mit den Schultern. Ob er mich nicht verstanden hat oder meine Frage
nicht beantworten kann, weiß ich nicht. Einen Moment stehe ich
unschlüssig herum. Vor dem Schuhgeschäft beobachte ich den alten Mann
mit der völlig abgegriffenen Kopie einer Obdachlosenzeitschrift. Ich
ärgere mich, dass ich schon wieder vergessen habe Kleingeld in die
Jackentasche zu stecken. Und an der Bushaltestelle drängeln sich dicke
Menschentrauben um die wenigen Eingänge in einen Bus. Dann stelle ich
mich zwischen den pensionierten Bauarbeiter und das Kind und schaue dem
Bagger beim Graben zu.

Marco Hasenkopf, letzte Fassung vom 18.12.10