babel

eine literarische Spurensuche
Kölner Migration / von Marco Hasenkopf

Der Mann mit dem Diktafon

In den ersten Tagen nach dem Erwerb des Diktafons halte ich das Mikro an jedes sich mir darbietende Geräusch: die vorbeifahrenden Schiffe am Rhein, das Glockenspiel der nahen Kirche, ein Presslufthammer oder das Gurgeln und Rauschen im Abflussrohr im Keller. Alles wird mit dem Diktafon aufgezeichnet. Als ich einem Freund in einer Mail davon berichten will, stocke ich beim Schreiben des Wortes Diktafon. Ich bin unschlüssig, ob ich f oder ph nehmen soll. Nicht nur das, wie ist überhaupt die korrekte Bezeihnung für das Gerät? In der 22., völlig neu bearbeiteten und erweiterten Auflage des Dudens zur deutschen Rechtschreibung aus dem Jahr 2000 finde ich das Wort Diktafon nicht. Dort steht nur Diktiergerät. Und wie nennt der Hersteller sein Gerät? Handy Recorder, Digital Voice Recorder oder Digital Audio-Recording System wage ich erst gar nicht im Duden nachzuschlagen. Auch ein Englisch-Wörterbuch bemühe ich dafür nicht. Also öffne ich den Internetbrowser, obwohl ich bereits ahne, wie das Ergebnis ausfallen wird. Oder sollte ich mir doch endlich einmal die aktuelle 25., ebenfalls völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage des Dudens kaufen? (Wenn ich das tun würde, würde ich erfahren, dass f die richtige Wahl wäre.) Im Internet finde ich jede erdenkliche Variante. Auch kreative. Ich überlege, ob ich in einem Forum das Wort „Diktomat“ in den Umlauf bringen sollte, aber ein aufwendiges Anmeldeverfahren schreckt mich ab. Wie nenne ich aber nun das Werkzeug mit dem ich beabsichtige Interviews aufzuzeichnen? Am liebsten wäre mir eh der klassische Cassettenrecorder. Wie früher. Mit allem was dazugehört. Vom Bandsalat bis zum dauerhaften Hintergrundrauschen. Aus nostalgischen Gründen blättere ich im Duden. Irgendwo zwischen Cäsium und Castorbehälter meine ich müsste Cassette zu finden sein. Aber ich irre mich. Mit dunkler Vorahnung blättere ich weiter bis K. Tatsächlich finde ich Cassette dann zwischen Kasserolle und Kasside, einer arabische Gedichtgattung. Cassette wird mit K geschrieben! Entweder ich schreibe das Wort also seit Jahren falsch oder ich es schon wirklich sehr lange nicht mehr benutzt. Immerhin, meine Dudenausgabe ist zehn Jahre alt! Genauso wie die Videocassette, so ist wohl auch die Compact Cassette, die CC, in der Zeit als 1live noch WDR1 hieß untergegangen. Ich mache mir eine geistige Notiz unbedingt öfters alte Worte zu benutzen. Diadem. Brimborium. Galimathias. Bald Niveaulimbo. Ein Kassettenrekorder ist einfach nicht das selbe wie ein Cassettenrecorder. Worin ich wieder eine Bestätigung meiner kleinen Theorie finde, die nämlich besagt, dass bereits ein einziger Buchstabe die Welt verändern kann. Zum Beweis: Aus dem Wort babbeln, landschaftlich für schwatzen, entferne ich ein b, und zwar aus dem Mittelteil, und erhalte babeln, was ich mit poetisch für vielsprachig oder rätselhaft vielsprachig übersetze. Die Deklination meines Kunstwortes klingt jedoch erbärmlich. Kein gelungenes Tageswerk. So nehme ich mein ... Aufnahmegerät zur Hand und halte es wieder an diverse Geräusche: Das satte Zuschnappen der Haustür, das Klicken der Ampelschaltung, das Geräusch meiner Schritte auf der Treppe, ein vorbeifahrendes Auto, ein meckernder Zaunkönig im Garten und das prasselnde Geräusch von Regen auf meinen Dachflächenfenstern. (Wow, das ist ja so innovativ!) Spätestens als ich mitten in der Nacht im Garten stehe mit großen Kopfhörern über den Ohren und das Aufnahmegerät in den Nachthimmel strecke, um den letzten Hall des Urknalls aufnehmen oder was auch immer, aber zwischen dem ohrenbetäubenden Lärm der über das Haus donnernden Frachtmaschinen doch nur ein diffuses, sphärisches Brummen einfange, denke ich mir: Es wird Zeit ins Bett zu gehen!