babel

eine literarische Spurensuche
Kölner Migration / von Marco Hasenkopf

Schreibstück 0.6

0.6. 1.Fassung

 

Sein Vater ist in der politischen Opposition aktiv. Zudem gehören sie einer religiösen Minderheit an. Die gesamte Familie leidet daher unter erheblichen Repressalien seitens der Herrschenden. Oft müssen sie umziehen. Dann muss er sich wieder an eine neue Stadt gewöhnen, die neue Umgebung erkunden. Das fällt ihm schwer. Es ist keine unbeschwerte Kindheit. Vor allem wenn er neue Freunde finden will, stellt er sich die Frage, wem kann er trauen? Plötzlich kommt der Zeitpunkt an dem es für die Familie zu gefährlich wird im Land zu bleiben. Ihnen bleibt nur die Flucht. Über die Ereignisse auf der Flucht, was da alles passiert ist, will er nicht sprechen, sagt er und schweigt einige Augenblicke. In Europa findet der Vater, ein Mediziner, keine Arbeit, weil irgendetwas mit seinen Papieren nicht stimmt. Das stimmt den Vater traurig. In seiner Verbitterung zieht er sich zurück, die Familie zerfällt und verstreut sich über ganz Europa. Nach außen hin wirkt er ganz ruhig, spricht leise und bedacht. Ein feinsinniger Mensch. Auf meine Frage, warum der Mensch wandert, reagiert er dann aber aufbrausend. Er lebt im Exil. Diese Wanderung sei nicht freiwillig erfolgt. Er ist vertrieben worden. Die Trauer steht ihm ins Gesicht geschrieben. Ein normales, alltägliches Leben im Westen zu führen, ist gar nicht möglich. Scheint unerreichbar, weil er die Ereignisse nicht überwinden kann. Mehrere Versuche eines Neuanfangs sind gescheitert. Ich bemühe mich zu erklären, dass die Wanderung vielerlei Gründe haben kann. Flucht und Vertreibung. Aber auch wirtschaftliche Gründe, Neugier oder sogar Müßiggang. Dieses Argument lässt er nicht gelten. Flucht sei etwas anderes als Wanderung. Ich habe plötzlich ganz kitschige Gedanken: Gerne würde ich ihn vom Schmerz befreien. Aber ich bin Autor und kein Heiler.