babel

eine literarische Spurensuche
Kölner Migration / von Marco Hasenkopf

0.8

1. Fassung:

Ihr Vater kämpfte für die Freiheit. Eines Abends bricht die Familie zu einem Kamelritt auf. Es wird ein langer Ausritt, der die Fünfjährige von den heißen Wüsten Afrikas ins beschaulich verregnte Westfalen führen wird. Immer wieder sagt die Mutter „Du darfst nicht schlafen“ zu ihr. Das Kind versteht nicht, warum es nicht schlafen darf, bemerkt aber die ernste Stimmung der Erwachsenen und ihrer älteren Brüder. Überhaupt, wann sind sie jemals nachts spazieren gegangen? Im kleinen westfälischen Städtchen sind sie die ersten Farbigen. Dort lernt sie sich gegen die Neger-Sprüche einfältiger Provinzler durchzusetzen. Und das nicht nur, weil der Vater sie immer wieder motiviert sich zu wehren, wenn sie als „Bimbo“ beschimpft wird. Sie ist eine durchsetzungsstarke, lebenstüchtige Persönlichkeit. Jahre später, als sie mit ihren Brüdern ihr Heimatland besucht, küsst der älteste Bruder noch bei der Ankunft am Flughafen den Boden. Ihr geht es anders. Sie fühlt sich in beiden Ländern verwurzelt, in der alten wie in der neuen Heimat. Heimat, dieses Wort gibt es nur im deutschen Sprachraum. Wenn heute jemand zu ihr sagt, sie spräche gutes Deutsch, wird sie aufbrausend: Sprüche dieser Art kann sie nicht mehr hören! Manchmal, so sagt sie mit einem Lächeln auf den Lippen, fühlt sie sich deutscher als die Deutschen.