babel

eine literarische Spurensuche
Kölner Migration / von Marco Hasenkopf

0.9

Skizze N. - 1. Fassung

Am Gitter wuchsen junge Eiszapfen. Den Himmel darüber bedeckten graue, schwere Regenwolken. Dieser Ausblick war ihr vertraut. Auch die Fenster im Flüchtlingscamp waren vergittet gewesen. Wie in einem Gefängnis. Nur, wer sollte hier vor wem ausgesperrt werden? Das fragt sie sich noch heute. N. wünschte sich ihr Blick besäße die durchdringende Macht die Welt hinter den Gitterstäben zu würfeln. Im Kino hatte sie einen rekonstruierten Stummfilm gesehen. Metropolis. Im Zwischenspiel wurde eine Geschichte erzählte, die ihr nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte: Aus aller Welt kamen die Menschen ins Land Schinar und sprachen unterschiedliche Sprachen und benutzten unterschiedliche Worte. Sie begruben die Statiker und erschufen einen Turm an dem sie heute immer noch arbeiten. Doch egal, was sie auch tun, egal wie sehr sie einander nicht verstehen, niemanden gelingt es die Wirrsal zu entwirren. Das System ist so komplex und vielschichtig, dass sie sich fragt, ob überhaupt noch jemand versteht, wie es funktioniert. N. fühlte sich wie ein naives, dummes Mädchen, das erhoffte ein prächtiger Gott könnte aus seiner Maschine herabsteigen und sie gütigst von ihrem Schicksal erlösen. Ironischer und gleichzeitig schmerzhafter hätten ihre Gedanken gar nicht sein können. Wo war denn ihre Heimat? Sie benutzte diesen Begriff erst, seit sie in Deutschland weilte. Heimat ist da, wo das Herz weilt, sagen manche. Bei ihrer Familie. Ihr Herz weilt dort, wohin ihre Familie vertrieben wurde. Ins Totenreich. N. war sich sicher, dass niemand das Jenseits als seine Heimat bezeichnen würde. Dieser Gedanke etwas einzigartiges darzustellen, stimmte sie versöhnlicher.