babel

eine literarische Spurensuche
Kölner Migration / von Marco Hasenkopf

Schreibstück 1.1

Skizze 1.1 – 1. Fassung

Im Beamtenapperat des Einparteienstaates bekleidete ihr Vater eine hohe Führungsposition. Der Familie geht es gut. Sie bezeichnet es als Wunder, dass ihr Vater überhaupt eine so herausragenden Funktion erhalten hatte, da die Familie ursprünglich zugewandert ist und ihre Volksgruppe von der herrschenden Klasse diskriminiert wird. Unbedingt will sie hier und jetzt ihre Stimme erheben gegen das Unrecht, welches ihrer Familie widerfahren ist. Diese Regierungspartei soll wissen, wer sie anklagt! Hier habe sie keine Angst mehr vor den Schergen dieses üblen Regimes. Ich kann nur hoffen, dass sie wirklich keine Angst zu haben braucht und bewundere ihren Mut. Dann erzählt sie den Grund, warum sie nach Europa fliehen musste. Eines Tages, sie wisse bis heute nicht wieso, sei ihr Vater nach Hause kommen und tot umgefallen. Einfach so. Von jetzt auf gleich. Er war erst Mitte Vierzig. Viel zu früh um zu sterben. Wenn man das Leben liebt, ist jedes Alter zu früh zum Sterben, meint sie. Was sie nun erzählt, ist eine Geschichte wie in einem Kinofilm. Sie beginnt überall Fragen zu stellen, die den überraschenden Tod ihres Vaters klären sollen: Was ist passiert? Hat er etwas getan oder gewusst, weshalb er aus Sicht des Regimes beseitigt werden musste? Oder ist er eines ganz natürlichen Todes gestorben? Diese und viele andere Fragen klären sich eines Abend an dem sie in einer dunkeln Gasse niedergeschlagen wird. Mit Kopfschmerzen erwacht sie auf feuchtem Beton. Sie befindet sich in einem Gefängnis. Tage, Wochen vergehen ohne das irgendetwas passiert. Mit ihr in der völlig überfüllten, unhygenischen Zelle harren zahllose politische Gefangene, unsicher ob sie auf die Hinrichtung oder die Freiheit warten, aus. Doch dann erkennt sie einen Wärter wieder. Der Mann war ein Untergebener ihres Vaters. Nach langen Überredungsversuchen verhilft er ihr in einem günstigen Augenblick zur Flucht. Sie bemächtigt sich des erstbesten Fahrzeugs, ein Motorrad, obwohl sie es gar nie gelernt hat, und fährt so lange, bis sie die Grenze erreicht hat und sie ihre Heimat für immer verlassen kann. Ihre Familie hat sie nicht wiedergesehen. Bis heute nicht. Und natürlich weiß sie nicht, ob sie jemals wieder die Gelegenheit habe wird ihre Heimat gefahrlos betreten zu dürfen. Dabei zuckt sie mit den Schultern. Ihr trauriger Blick scheint die Furchen in der Tischplatte zählen zu wollen.