babel

eine literarische Spurensuche
Kölner Migration / von Marco Hasenkopf

Schreibstück 1.2

1.2 Skizze 1. Fassung

Vollkommen aufgelöst schnappt die Frau nach Luft. Sie ist atemlos. Ich kann es durch den Telefonhörer wahrnehmen. Ihre Stimme klingt rau und brüchig. Sie komme generell nicht gut mit Menschen zurecht, es fällt ihr schwer sich zu erden, wie sie es nennt, unterzuordnen oder anzupassen. Ein Zuhause habe sie noch nie gefunden. Und sie sei verdammt viel herumgekommen. Wie mechanisch beginnt sie Städte und Länder aufzuzählen. Jetzt sei es wieder so weit: Sie steht kurz davor ihre Wohnung zu verlieren. Wegen Mobbing und Burnout hat sie ihren Job verloren, war viele Monate krank, konnte die Miete nicht bezahlen und jetzt wird sie dank einer Räumungsklage obdachlos werden. Denn sie hat keine Freunde und weiß niemanden an den sie sich wenden könnte. Ihre Geschichte hat sie gesammelt und in einem Schließfach hinterlegt. An die Redaktionen sämtlicher Fernsehsender, Zeitungen und Radiostationen hat sie einen Brief geschickt mit dem Hinweis darauf, wo sich die Unterlagen ihrer wahren Geschichte befinden. Ich frage nach, ob sie mir ihre Geschichte nicht erzählen will. Aber sie reagiert nicht eindeutig auf meine Nachfragen, sondern erzählt mir, dass sie sich vor einen Zug werfen will. Alles habe sie genau geplant, sogar eine Stelle für ihren Selbstmord habe sie sich schon ausgesucht. Ich überlege angestrengt, wie ich ihr helfen könnte, aber alles was mir einfällt, erscheint mir wie das leere, hohle Gerede eines bürokratischen Sachbearbeiters mit unfreiwilligem Kundenkontakt. Sie schweigt. Ich schweige auch. Einen Moment zu lange. Denn dann ist die Verbindung beendet. Zu einem Interview kommt es nicht.