babel

eine literarische Spurensuche
Kölner Migration / von Marco Hasenkopf

Schreibstück 1.3

1.3 Skizze 1. Fassung

 Es ist heiß. Die Luft flimmert. Das Meer glitzert azurblau und der Horizont erscheint endlos. Es ist ein traumhafter Sommer irgendwo in Südeuropa. Hier in der Heimat verbringt sie mit ihren Eltern die Sommermonate. Weit weg von allem, was sie liebt. Dazu zählt vor allem ihr Freund. Das wunderbare Sommerwetter sieht für sie trist und öde aus wie ein Novembertag. Der Vater hat ihr den Umgang mit „diesem Deutschen“ verboten. Und das obwohl er ihr in Deutschland verbietet ihre Muttersprache zu sprechen. Sie soll nur Deutsch lernen. Er will, dass sie deutsch lebt, deutsch ist, aber ein deutscher Freund oder gar Schwiegersohn kommt nicht in Frage. Und um sie auf andere Gedanken zu bringen und eventuell mit einem Mann aus der Heimat bekannt zu machen, hat der Vater beschlossen viel länger als sonst, nämlich den ganzen Sommer, in der Heimat zu bleiben. Immer wieder sind es die Väter, die durch ihr Handeln oder Unterlassen in den Geschichten meiner Interviewgäste das Schicksal der Familie bestimmen. Vielleicht sollten einfach mal die Mütter entscheiden, denke ich mir. Aber die Mütter kommen oft nur am Rande vor. Wie eine Marginalie. Feurig, sehnsüchtig, wundervoll – das sind die drei ersten Worte, die ich spontan mit ihr assoziiere. Und so kann ich mir lebhaft vorstellen, wie sie sich vor 30 Jahren gegen ihren übermächtigen Vater durchgesetzt hat. Sogar in Kauf nimmt sich mit ihm zu zerstreiten. Wie sie am Strand in den Sonnenuntergang blickt und mit ihrem Schicksal hadert. Bis zu dem Augenblick in dem plötzlich ihr Freund vor ihr steht. Aus Deutschland ist er ihr gefolgt. Nun planen sie gemeinsam durchzubrennen. Sie versteckt sich im Kofferraum des Autos, bis er sie aus dem Heimatdorf herausgeschmuggelt hat. Der Bruch mit den Eltern ist groß, aber nicht von langer Dauer. Heute lebt der pensionierte Vater wieder in der alten Heimat, hat Deutschland verlassen und Vater und Tochter vermeiden es über schwierige Themen zu sprechen. Gerne erinnert sie sich an diese Zeit, auch wenn es schmerzhafte Erinnerungen birgt. Sie streicht sich ihre schwarzen Locken hinter die Ohren, dann lacht sie temperamentvoll.