babel

eine literarische Spurensuche
Kölner Migration / von Marco Hasenkopf

Schreibstück 1.4

1.4

1.Fassung

 

Das Perpendikel schlägt gegen das Uhrgehäuse. Ein dumpf-metallisches Klirren hallt als kakophonischer Cluster durch die Nacht. Sowohl der Kutscher als auch die Frau neben ihm drehen sich zu Tode erschrocken um. Entschlossen klettert die Frau vom Kutschbock auf die Ladefläche hinter ihr auf der ihre wenigen Habseligkeiten untergebracht sind. Obenauf liegt die alte Standuhr. Ein Familienerbstück, erzählt sie. Schon als Kind hat sie halb verängstigt, halb neugierig und fasziniert auf das Ziffernblatt geschaut und darauf gewartet, bis der Stunden und Minutenzeiger auf eine volle Stunde sprangen in dessen Folge ein mächtiges Donnern aus den tiefen Eingeweiden der Uhr durch das Haus hallte. In dieser Nacht, ihrer Flucht vom Ost in den Westsektor, bettet sie das Pendel wie die Schlaggewichte in ein weißes Bettlaken. Die Bilder dieses Moments stehen lebhafter vor ihrem inneren Augen als Ereignisse der jüngeren Vergangenheit, berichtet sie. Denn sie weiß noch genau wie sehr sie dieser Anblick erschreckt hat. Sie glaubt einen Sarg statt einer Uhr auf dem Pferdefuhrwerk mit sich zu führen. Tatsächlich könnte dieses alte, harmlose Familienerbstück für sie zur Falle werden. Wie oft hat sie davon gehört und es sogar gesehen, dass ein Pilot sein Jagdflugzeug im Tiefflug über einen Flüchtlingstreck steuerte, um mit einer kleinen Bewegung eines Fingers die Maschinengewehre zu entfesseln und alles umzumähen, was die Geschosse im einmaligen Tiefflug erfassen konnten. Nur zu genau weiß sie, was in Wäldern umherstreifende Soldarten anrichten können. Mit Frauen, betont sie und stützt dabei ihr Kinn mit zittriger Hand. Damals richtet sie immer wieder ihre bangen Blicke in den nächtlichen Himmel oder forscht im undurchdringlichen Unterholz nach Bewegungen. Das Kleinkind im Korb zu ihren Füßen schläft tief und fest. Es ist ihre Tochter. Ihr einziges Kind. Hoffentlich erwacht die Kleine nicht! Stoßgebete schickt sie himmelwärts. Aber sie haben Glück und kommen durch. Sie erinnert sich an die Ankunft und die katastrophalen Bedingungen im Auffanglager für Flüchtlinge. Überfüllte Bretterhütten, überfüllte Zimmer, verschmutzte Toiletten und Waschräume. Obwohl sie in ihre alte Heimat vertrieben wurde, will sie hier niemand haben. Die Zeiten sind hart. Man streitet sich um ein paar Kohlestücke oder einige halbverfaulte Kartoffeln. Bei alle dem weiß sie nicht, ob ihr Mann jemals wieder zu ihr zurückkommen würde. Wo ist er? Im Gefangenenlager? Auf dem Schlachtfeld gefallen? Hat das Kind noch einen Vater? Am liebsten stellt sie sich vor er wäre bereits auf dem Heimweg. Heute kann sie darüber sprechen. Lange Jahre konnte sie das nicht. Wieder zittern ihre Hände und ein tiefer Seufzer entfährt ihrer Brust.