babel

eine literarische Spurensuche
Kölner Migration / von Marco Hasenkopf

Schreibstück 1.7

1.7 1.Fassung

Der Applaus entzündet sich unten im Parkett, greift wie ein Lauffeuer um sich und zerschellt schließlich weit hinter ihm in den oberen, leeren Rängen. R. gähnt. Nicht einmal die Sonntage seiner Kindheit, wenn die Familie zu Besuch bei der Großmutter im erzkatholischen Bergdorf weilte und die Kinder stundenlang brav am Tisch sitzen mussten, hat er so ereignislos in Erinnerung wie die vergangen drei Stunden. Selbst die Summe all dieser quälend langweiligen Sonntag ist erträglicher, als dieser vergeudete Abend, so erzählt er. Das übrige Publikum scheint das anders erlebt zu haben. R. betrachtet einige applaudierende Zuschauer. Ihm fallen die unterschiedlichen Arten von Applaus-Techniken auf: Lautes, schnelles Patschen, dumpfes, langsames Ploppen und schrilles, spitzes Pitschen erzeugt mit den Fingern in der hohlen Hand. Ein Klang, der schon an Körperverletzung grenzt. Ob es ein spezifisch männliches und weibliches Beifall klatschen gibt? R. überlegt, aber ihm fällt nicht ein wie seine Frau applaudiert. Ist es denn möglich, dass er der einzige in diesem Theatersaal ist, der sich gelangweilt hat? Vielleicht dienen die Ovationen dem Respekt und der Achtung vor der künstlerischen Leistung und weniger der eigenen Begeisterung. Ob es eine Kultur gibt, fragt sich R., in der Applaus ein Ausdruck tiefer Verachtung ist? Wie in arabischen Ländern auf jemanden mit einem Schuh zu zeigen? Mit Sicherheit gibt es eine solche Kultur. Hier und Jetzt. Begeistert stimmt R. in den Applaus mit ein.